Piraten und die Bekleidungs-Debatte

Nachdem ich auf meiner Kandidatur-Seite ein eher professionell gestaltetes Bild von mir verwende, entbrannte via Twitter wieder mal eine kleine Debatte über Piraten und deren Bekleidung. Ich finde das insofern interessant, dass man nun mit Fug und Recht sagen kann: egal ob mit Sandalen oder im Anzug, es ist unmöglich es richtig zu machen 😉

Besonders interessant finde ich Aleks Einwand: „bleiben wir artig und angepasst und kaufen JA BLOSS die Fahrkarte, um zur Revolution zu fahren„.  (Update: Aleks bezog das auf eine andere Diskussion und hat nichts gegen das Auftreten im Anzug). Lenin wird in dem Zusammenhang ja auch ein Zitat zugeschrieben: „Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!

Aber langsam – erst einmal etwas zu meiner „Vorgeschichte“. Normalerweise laufe ich in T-Shirt, Jeans und Sportschuhen rum, die T-Shirts vorzugsweise noch mit einer Botschaft versehen („Trust me“, „Open Minds Open Data Open Future“ o.ä.). Neuerdings darfs auch mal ein Polo sein, was aber eher dem Anspruch meiner Position beim Brötchengeber geschuldet ist. Vor ein paar Jahren war das noch anders – über einige Jahre hinweg hatte ich einen Arbeitgeber, bei dem Anzug inkl. Krawatte selbst im Hochsommer Vorschrift war. Eine größere Auswahl an Anzugs-Kombinationen in meinem Schrank ist die Folge. Dennoch war und bin ich froh jetzt bei einer Firma zu arbeiten, bei dem mein Chef (> 200 Mitarbeiter) oft in Kaputzen-Pulli und Turnschuhen anzutreffen ist. Kurzum: im Herzen bin ich ein IT-Geek mit Hang zur T-Shirt-Evangelisation.

Aber warum verwende ich nun ein Bild, dass mich im Anzug zeigt – statt wie üblich den eher nerdigen Look? Und: würde ich die Fahrkarte kaufen, um zur Revolution zu fahren?

Nein! Ja! Es ist schlicht die Frage der Werkzeuge die man sich zu Nutze macht, um ein Ziel (hier als Beispiel die Revolution) zu erreichen. Hält uns der Fahrkarten-Verkauf davon ab, die Revolution durchzuführen? Überwiegt der Nutzen die Nachteile z.b. die Bahn zu schädigen? (Brauch ich sie noch? Will ich den Zugführer/Begleiter überreden etwas zu tun…?). Hält uns die Entscheidung, keine Fahrkarte zu lösen evtl. vorher sogar von der Revolution ab? Das sind die Fragen, die man hier beantworten muss.

Ähnlich verhält sich das nun mit der Bekleidung. Wenn ich die Ziele der Piraten vertreten und voranbringen will: hält es mich nicht eher auf, wen ich beim Bürger erst einmal die Vorbehalte ausräumen muss, die bekanntermaßen immer noch auftreten wenn man nerdig angezogen ist? Aus Erfahrung kann ich sagen, dass es viel leichter ist seine Inhalte zu transportieren, wenn man „gut“ angezogen ist. Wichtig ist hier die Erkenntnis, dass sich alle, die Ziele erreichen wollen, sich ihrer Umgebung anpassen müssen. Sonst werden die Widerstände nicht nur aufgrund der sachlichen Ziele sondern auch aus nieder-schwelligen Reaktionen einfach zu groß. Definiert sich der zu transportierende /Inhalt/ (bezogen auf Ort und Zeit) aber durch ein T-Shirt, nutzt man genau dieses.

Deshalb zeige ich mit der Verwendung eines professionellen Bildes in der Bewerbung, dass ich genau diesen Kontext verstanden habe und auch anwende. Es ist schlicht eine Abwägung: schade ich der Partei und deren Zielen mehr, wenn ich weiter auf meinem Nerd-Dress bestehe oder ertrage ich den Schmerz, mich „gut“ zu kleiden? Lest bitte nochmal oben, warum ich das „ertragen“ nenne 😉

Bis hier hin betrifft die Entscheidung aber nur die „Außenwirkung“. Schlussendlich stellt sich aber noch die Frage, ob mein Abweichen von der vorherrschenden Bekleidungspraxis für die Piraten selbst ein Problem darstellt. Dies wirft auch die Frage auf, durch was sich Piraten mit ihrer Partei identifizieren. Wer sich durch das legere Auftreten ihrer Mitglieder und das damit verbundene Lebensgefühl identifiziert wird damit Probleme bekommen. Wer sich überwiegend durch inhaltlich-sachliche Komponenten identifiziert, wird damit kaum Reibungspunkte haben.

Werde ich nun das Bild austauschen? Nein. Werde ich nun immer im Anzug um Stammtisch kommen? Nein!

 

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Eine Antwort auf Piraten und die Bekleidungs-Debatte

  1. mike sagt:

    Kann es sein das sich jmd. rechtfertigen muss wenn er/sie einen ‚unpiratigen‘ Kleidungsstil auf einem Foto zeigt?

    Meine Güte, wie unflexibel + festgelegt sind wir Piraten eigentlich schon, konservativer als die CSU?

    Machen bei uns Kleider eben doch die Leute?

    Nur diesmal ‚umgekehrt‘? Irgendwas in ‚admin‘ schwarz, t-shirt mit collem Spruch drauf o.ä.

    m(